Nora Nägele: Wir fühlen uns unter- oder überfordert

Nora Nägele ist selbständiger Coach in Stuttgart-Sillenbuch. Mit ihr sprechen wir über fehlende Weiterentwicklung im Job, Übergangen-Fühlen sowie Umstrukturierung.

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Beschäftigte unzufrieden mit ihrem Job sind. Für viele ist aber eine berufliche Neuorientierung keine Option. Was sind die häufigsten Gründe, die zu einer Jobunzufriedenheit führen?

Nora Nägele: Es gibt tatsächlich eine Vielzahl von Gründen für Unzufriedenheit mit dem Job. Da sind einmal Gründe, die in der Person der Beschäftigten liegen, zum Beispiel:

  • man hat sich weiter entwickelt, und die Aufgaben stellen keine Herausforderung mehr dar
  • man hat einen beruflichen Weg eingeschlagen, der nicht den persönlichen Neigungen/Begabungen entspricht

Dann Ursachen, die im Unternehmen der Organisation begründet sind, zum Beispiel:

  • Wechsel der Führungskraft oder im Kreis der KollegInnen
  • empfundene Degradierung oder sich Übergangen-Fühlen bzw. Übergangen-Werden bei Beförderungen
  • Umstrukturierung, dadurch Veränderungen in der Führungskultur und damit wiederum im Klima, in der Aufgabenstellung, der Verantwortlichkeit

Woher weiß man, dass es Zeit ist den Job zu wechseln, um sich neuen Herausforderungen zu stellen?

Nora Nägele: Man fühlt sich zunehmend unwohler, empfindet immer drängender die Unzufriedenheit. Wir fühlen uns unter- oder überfordert. Es kann auch sein, dass man sich immer öfter gekränkt fühlt oder selbst schnell überreagiert, auch bei kleineren Ereignissen. So, als wollten uns all diese Gefühle sagen „schau dir die Situation gut an. Passt das noch zu dir, bist du dem möglicherweise entwachsen?“

Viele Beschäftigte über 35 haben Hemmungen sich neu zu orientieren. Kann man im fortgeschrittenen Alter noch adäquat Karriere machen?

Nora Nägele: Ja! (Stellen Sie sich im Gegenzug vor, Sie leben noch über 30 Jahre mit einer solchen Unzufriedenheit…). Wichtig ist, das übergeordnete Berufsziel zu definieren und danach die nächsten Schritte genau zu setzen. Hilfreiche Fragen können sein: Was ist mir wirklich wesentlich in meinem Berufsleben? Welche Tätigkeiten erfüllen mich, woran habe ich wirklich Freude? Was bringe ich mit an Kompetenzen und Erfahrungen? Was erwarte ich von meinem neuen Arbeitgeber? Wenn ich das Ziel definiert habe: Wie kann ich das sinnvollerweise erreichen? Brauche ich zusätzliche Professionalisierung? Wie kann ich eventuell das Ziel anpassen, weil es nur mit zu großem Aufwand erreicht werden kann? Welche realistische Lösung kommt meinem Wunsch am nächsten?

Ein Neuanfang ist immer schwer. Wie kann man mentale Hürden der Neuorientierung überwinden?

Nora Nägele: Gedanken wie „das schaffst du ja doch nicht“, „das ist aber nicht sicher“ stellen sich schnell ein, wenn wir über die möglichen Zukunftsszenarien nachdenken.

In der Fantasie ist zunächst jedoch alles gefahrlos möglich! Wenn wir es uns erlauben, mit den Möglichkeiten zu spielen, ist schon viel gewonnen.

Was muss man also tun, damit eine berufliche Neuorientierung gelingt?

Nora Nägele: Wenn wir uns als mentale Übung zum Beispiel vornehmen, jedes Mal, wenn sich die negative, ängstliche Stimme in uns hörbar macht, bewusst innezuhalten und etwas Positives dagegen zu setzen, ist viel erreicht. Wir könnten dann denken: „Ja, es mag sein, dass ich es nicht schaffe. Doch die Chance, dass es gut wird, besteht ebenso. Dazu muss ich es aber zumindest versuchen. Und solange ich nur nachdenke, besteht keine Gefahr.“ Den ängstlichen Stimmen in uns geht es in aller Regel um Sicherheit. Es hilft, uns da immer wieder zu beruhigen.“

Eine weitere Übung kann sein, mit sich zu verabreden, jeden Tag zumindest eine kleine Aktion in die neue Richtung zu unternehmen, seien es ein Telefonat, eine Recherche im Internet, Lesen eines Fachartikels, …

Was raten Sie Beschäftigten, die mit dem Gedanken spielen, den Beruf zu wechseln?

Nora Nägele: Wenn ein klares Bild da ist, wohin die Reise gehen sollte, gibt es unzählige Möglichkeiten, sich dem neuen Weg zu öffnen, ohne die zumindest wirtschaftlich sichere aktuelle Situation schon zu verlassen. Fortbildungen zu absolvieren, kann zum Beispiel nebenbei die Chance bergen, neue Kontakte im gewünschten Umfeld zu knüpfen und überhaupt neue Impulse in die richtige Richtung zu bekommen. Messebesuche, seien es Jobmessen oder Fachmessen, können die gleichen positiven Nebenwirkungen haben. Und dann: bewerben, bewerben, bewerben – nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern ausgewählt, doch zunächst nicht mit der vordergründigen Absicht, eingestellt zu werden, sondern um zu lernen, zu üben und an Selbstsicherheit zu gewinnen.

Frau Nägele, vielen Dank für das Gespräch!

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