Rufus Steinkrauss: Vorgespielte Welt entspricht nicht der Realität

Rufus Steinkrauss ist Geschäftsführer der RUFUS STEINKRAUSS PERSONAL GmbH in Hamburg. Mit ihm sprechen wir über handwerklich geprägte Berufe, mittelständische Unternehmen sowie Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen.

Rufus Steinkrauss

Der Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen ist geraumer Zeit ein großes Thema. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die ohnehin schon wackelige Ausbildungsbranche?

Rufus Steinkrauss: Nach unserer Erfahrung bei mittelständischen Unternehmen hat sich die Lage der Unternehmen, Auszubildende für sich zu gewinnen, erheblich verschärft, insbesondere in handwerklich geprägten Berufen.

Welche Gründe sehen Sie in der sinkenden Nachfrage? Handelt es sich einzig um Verunsicherung seitens der potentiellen Bewerberinnen und Bewerber?

Rufus Steinkrauss: Nein, keine Verunsicherung: Bewerber*Innen in der relevanten Altersgruppe sind zu einem großen Teil irritiert und völlig falsch informiert, dies insbesondere durch soziale Plattformen wie Facebook, Instagram etc., auf denen ihnen eine Welt vorgespielt wird, die in keiner Weise mit der Realität übereinstimmt. Ohne pauschalisieren zu wollen, wird dort der Handwerksberuf oder der einfache Ausbildungsberuf negativ oder minderwertig konnotiert und daher als nicht erstrebenswert beurteilt.

Vielfach kritisiert wird die mangelnde Attraktivität der Ausbildungsberufe aufgrund der geringen Entlohnung und den familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen, als Beispiel in der Pflege. Nun kommt zudem die Verunsicherung durch die Corona-Pandemie hinzu. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen noch, um die nächste Generation für sich zu gewinnen?

Rufus Steinkrauss: In einer leistungsgerechten Entlohnung gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, junge Auszubildende für das Unternehmen zu gewinnen, so zum Beispiel durch Sachbezüge, Mitgliedschaften und so weiter. Klassisches Beispiel ist ja aktuell die zur Verfügungstellung eines Fahrrades. Hier ist viel Kreativität auf Seiten der Unternehmen gefragt, wenn sich die Verantwortlichen mal bei Wettbewerbern in anderen europäischen Ländern umsehen und insbesondere auch in der start up Szene orientieren, werden Sie hier sicherlich einige interessante Modelle und Möglichkeiten finden.

Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich aufgrund der besseren Bedingungen für ein Studium. Was bedeutet dies für Ausbildungsberufe im Zusammenhang mit der Akademisierung. Werden in Zukunft vielleicht auch Tischler, Konditoren und Maler in einer Hochschuleinrichtung ausgebildet?

Rufus Steinkrauss: Das ist im schlimmsten Fall zu befürchten, ist aber keinesfalls zielführend. Ein Handwerksberuf ist ein handwirklich geprägte Tätigkeit und kein akademischer theoretisch geprägter Ausbildungsberuf. Hier gilt nach wie vor der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Wie man einen Hobel führt, kann man nicht theoretisch lernen, sondern nur an der Werkbank im Ausbildungsbetrieb erfahren. Ich habe die Hoffnung, dass durch die den Wandel in Richtung Umweltbewusstsein, Natur, Klimaschutz auch die Wertigkeit eines soliden Handwerksberufes wieder steigen wird und mehr Anerkennung auch in der jugendlichen Gesellschaft finden wird. Wo sonst habe ich denn die Möglichkeit, das mit meinen eigenen Händen geschaffene Tagwerk am Ende eines Arbeitstages zu begutachten und mich daran zu erfreuen. Darüber hinaus kann ich mir auch Respekt und Anerkennung in meinem Freundeskreis erarbeiten.

Fachkräfte werden zwar dringend gebraucht, doch muss der Beruf auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit garantieren können. Was raten Sie der kommenden Generation, die vor der Entscheidung Ausbildung oder Studium steht?

Rufus Steinkrauss: Ich rate immer dazu, zunächst einen soliden Ausbildungsberuf zu erlernen, heutzutage in jedem Fall einen handwerklichen Beruf, und diesen dann später gegebenenfalls um ein Studium zu ergänzen. Das duale Ausbildungssystem bietet ja schon seit der Erfindung des Hamburger Modells Möglichkeiten, Theorie und Praxis miteinander sinnvoll zu kombinieren.

Dieses Jahr sind erneut 15.000 weniger Lehrstellen angeboten worden. Hinzu kommt, dass trotz des geringeren Angebots ein großer Teil der Lehrplätze unbesetzt bleibt. Welche Prognose geben Sie für die Ausbildungsbranche?

Rufus Steinkrauss: Auch hier wird über die Zeit wieder ein Wandel eintreten.

Herr Steinkrauss, vielen Dank für das Gespräch!

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