Silke Ahlborn-Bauer und Jan Schabbeck: Digitale Krankmeldung

Silke Ahlborn-Bauer und Jan Schabbeck sind Rechtsanwälte in der Kanzlei VSZ Rechtsanwälte in Ludwigshafen. Mit ihnen sprechen wir über elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Digitalisierung sowie Umweltaspekt.

Ab 1. Oktober 2021 wird die digitale Krankmeldung Pflicht. Diese Umstellung war schon lange geplant. Warum wird das Projekt doch erst jetzt in Angriff genommen?

Silke Ahlborn-Bauer: Wesentlicher Grund für die wiederkehrenden Verschiebungen des ursprünglich am 01.01.2021 geplanten Starttermins der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) war die allerorts vorliegende, mangelnde technische Ausstattung der Arztpraxen. Zudem wurden und sind die Praxen durch die Corona-Pandemie enorm gefordert. Eine Überbelastung sollte mit einem späteren Starttermin umgangen werden.

Wird die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab 1. Oktober ausschließlich digital ausgestellt?

Jan Schabbeck: Ab dem 1. Januar 2022 sind die Praxen verpflichtet die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) in elektronischer Form an die Krankenkassen weiterzuleiten. Bis zum 30. Juni 2022 müssen Ärzte und Ärztinnen übergangsweise auch zusätzlich eine analoge AU in Papierform anfertigen, welche die Arbeitnehmer an die Krankenkasse zu übersenden haben. Weiterhin verpflichtet bleiben die Ärzte und Ärztinnen zur Erstellung einer analogen AU für die privaten Akten der Arbeitnehmer, da diese als gesetzlich angeordnetes Beweismittel fungieren soll.

Auf diese Weise kann zwar Digitalisierung im Gesundheitswesen einziehen, doch das Gesetz war nicht zwingend notwendig. Welche Vorteile hat die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in der Praxis?

Silke Ahlborn-Bauer: Durch die Digitalisierung wird ein deutlich geringerer Bürokratieaufwand bewirkt. Ergänzend generiert die einfache und schnelle Handhabung einen zügigeren Informationsfluss. So entfällt der Streit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer darüber, ob eine AU rechtzeitig oder verspätet vorlag und der Arbeitnehmer kann sein Krankengeld pünktlich erhalten. Außerdem spielt der Umweltaspekt eine bedeutende Rolle. Muss nicht für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die Krankenkasse eine AU auf Papier erstellt werden, wird der Papierverbrauch enorm reduziert.

Dass das elektronische Verfahren grundsätzlich funktioniert, zeigt ein Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse. Können Sie uns sagen, wie der Prozess des „digitalen gelben Scheins“ seitens der Ärzte, Ärztinnen und Krankenkassen ab dem 1. Oktober ablaufen wird?

Jan Schabbeck: Sowohl Ärzte und Ärztinnen als auch die Krankenkassen müssen sich mit einer bestimmten Software ausstatten, welche die Übermittlung der eAU ermöglicht. Zunächst übermitteln die Praxen eine AU elektronisch an die Krankenkasse. Diese stellt wiederum die Informationen über den gültigen Zeitraum der AU dem Arbeitgeber digital zur Verfügung, wobei der Arbeitgeber diese Informationen selbst bei der Krankenkasse erfragen muss. Der Arbeitnehmer bleibt weiterhin verpflichtet, seine Arbeitsunfähigkeit   feststellen zu lassen und muss diese seinem Arbeitgeber melden. Dabei kann er auf verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten zurückgreifen wie Telefon, E-Mail, SMS oder sogar What‘s App. Damit einhergehend muss der Arbeitnehmer aber sicherstellen, dass die AU den Arbeitgeber auch erreicht.

Was ändert sich für Arbeitgeber und Arbeitsnehmer mit dem Gesetz?

Silke Ahlborn-Bauer: Für den Arbeitnehmer entfällt künftig die Pflicht gemäß § 5 EFZG zur Weitergabe der AU an den Arbeitgeber. Dies geschieht nun automatisch. Der Arbeitgeber ist fortan in den Prozess der AU eingebunden und muss selbst aktiv werden und den Status der AU eines Arbeitnehmers bei der Krankenkasse digital einsehen bzw. erfragen.

Frau Ahlborn-Bauer und Herr Schabbeck, vielen Dank für das Gespräch!

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