André Hückstädt: Alle Generationen für die Energiewende begeistern

André Hückstädt ist Abteilungsleiter Finanzierung Erneuerbare Energien und Infrastruktur der Umweltbank in Nürnberg. Mit ihm sprechen wir über erneuerbare Energien, Energiewende sowie Trends der Zukunft.

André Hückstädt

Wind, Sonne und andere erneuerbare Energien haben 2020 rund 43% des deutschen Energiebedarfs gedeckt. Müssen wir um die Energiewende fürchten oder sie gar vertagen?

André Hückstädt: Wenn wir uns die Ziele des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ansehen, dann soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis 2050 auf mindestens 80 Prozent steigen. Etwas mehr als die Hälfte haben wir also schon geschafft. Das heißt aber auch: Knapp die Hälfte liegt noch vor uns – und diese müssen wir jetzt dringend angehen. Denn die zweite Hälfte wird der herausfordernde Teil der Energiewende. Leider steht die deutsche Politik, aber auch die restliche Welt, bei diesem Thema noch zu sehr auf der Bremse. Hier müssen wir schneller werden und die ökologische Transformation im Energiesektor vorantreiben. Denn mit jedem Tag, der verstreicht, steigen die Kosten zukünftiger Generationen – gemessen in Geld, aber auch in Lebensqualität. Wichtig ist es folglich auch, alle Generationen für die Energiewende zu begeistern. Denn während viele ältere Personen ihren Lebensstil nicht oder nur marginal anpassen wollen, fordern die Jungen radikale Schritte.

Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) zeigen, dass die Windenergie flächenübergreifend um rund 20% eingebüßt hat. Liegt es an der Natur, Politik oder fehlender Technik?

André Hückstädt: Die Leistungsfähigkeit von Windkraftanlagen hat sich in den letzten 20 Jahren rasant gesteigert – die Technik ist also nicht das Problem. Bremsend wirken vielmehr die umfangreichen Genehmigungs- und Prüfverfahren. Allerdings stellt sich immer wieder die Frage, warum wir Windkraft so radikal auf den Prüfstand stellen. Denn Fakt ist, ohne die Windkraft schaffen wir die Energiewende nicht. Hier ist eindeutig die Politik gefragt, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Viel zu lange schon blockiert die Politik die Windkraft – zum Beispiel durch Abstandsregelungen, die den Ausbau faktisch unmöglich machen. Nun wundert man sich in Berlin, dass eben dieser Ausbau stockt. Was wir dringend brauchen, ist ein gesellschaftliches Klima, in dem Windkraft als positiv verstanden wird. Dafür muss sich die Politik national wie auch auf lokaler Ebene pro Windkraft positionieren. Aber auch die Naturschutzverbände spielen eine wichtige Rolle. Natürlich muss der Ausbau der erneuerbaren Energien im Einklang mit der Umwelt geschehen. Wenn wir jedoch die Natur übertrieben vor der Windkraft schützen, dann stellt sich die Frage, wer die Natur am Ende vor dem Klimawandel beschützt. Hier wünsche ich mir mehr Kompromissbereitschaft.

Die Politik hat die höheren Klimaziele beschlossen, aber können sie überhaupt erreicht werden, angesichts rückläufiger Ausbauzahlen beim Wind?

André Hückstädt: Ich denke nicht, dass die ambitionierten Klimaziele ohne einen steten und wesentlich dynamischeren Zubau der Windkraft erreichbar sind. Dabei geht es nicht nur um den Neubau, sondern auch um das Repowering. Beim Ersatz alter Windräder können wir heutzutage mit weniger Anlagen mehr Leistung erzeugen. Hier besteht theoretisch viel Potenzial. In der Praxis bremsen erneute Genehmigungsverfahren das Repowering alter Windparks jedoch aus.

Was muss bei der Stromerzeugung geschehen, um das höhere CO2-Einsparziel zu erreichen?

André Hückstädt: Die Stromerzeugung muss CO2-neutral werden, ohne uns eine „strahlende Dividende“ zu hinterlassen. Es ist zwar richtig und wichtig, dass die Bundesregierung nun Druck beim Klimaschutz macht und schon bis 2045 klimaneutral werden will. Dabei müssen wir aber über nationale Grenzen hinaus denken. So ist insbesondere ein gemeinsames Verständnis dafür wichtig, was nachhaltige Stromerzeugung bedeutet – so spalten sich beispielweise bei der Atomkraft die Meinungen. Aber auch die internationale Zusammenarbeit bei der Stromerzeugung birgt eine große Chance. So kann Einkommen in Regionen geschaffen werden, die bisher von Erdöl abhängig sind oder die über keine nennenswerten Einkommensquellen verfügen – jedoch über viel Wind und Sonneneinstrahlung. Neben der Erzeugung müssen wir uns aber auch Gedanken über den Verbrauch von Strom machen. Wir dürfen Strom nicht länger als immer gegeben sehen, sondern sollten uns mehr Gedanken über eine effiziente Nutzung und Speicherung machen. Schließlich wird allein die Transformation im Mobilitätssektor in den kommenden Jahren den Strombedarf deutlich steigern. Und es wäre klimapolitisch absurd, Elektroautos mit Kohlestrom fahren zu lassen.

Was sind die Trends bei erneuerbaren Energien? Wohin geht die Zukunft?

André Hückstädt: Global betrachtet haben die erneuerbaren Energien die Marktreife erreicht und werden immer effizienter. Ausgehend davon werden sie in den nächsten Jahrzehnten Kraftwerke auf Basis fossiler Energieträger überflüssig machen. Eine wichtige Rolle spielen dabei intelligente und effiziente Speichertechnologien. In dieser neuen globalen Energiewelt wird das Sonnenlicht unser Hauptenergielieferant sein, unterstützt von der Windkraft. Viel mehr als bisher müssen wir Energiewirtschaft als globales Projekt sehen. Stellen Sie sich einmal vor, nur ein Teil der Sahara wäre von Ost bis West mit einer Solaranlage ausgestattet. Diese Region kommt auf überwältigende 4.000 Sonnenstunden pro Jahr und durch die Erdkrümmung gibt es dort von Ost nach West allein 4 Stunden Zeitunterschied, so dass eine theoretisch durchgehende PV-Anlage nur eine sehr kurze Nachtphase aufweist, die dann durch andere Energiequellen oder Speicher leichter überbrückt werden kann. Durch solche Vorhaben könnten immense Mengen an sauberem Strom gewonnen werden. Zudem schaffen wir so auch in unwirtlichen und armen Regionen Einkommensmöglichkeiten und Perspektiven.

Herr Hückstädt, vielen Dank für das Gespräch!

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