Eveline Lemke: Eine Welt ohne Abfall – ist das möglich?

Eveline Lemke ist Gründerin und Inhaberin von Thinking Circular in Niederzissen. Mit ihr sprechen wir über Konzepte der Kreislaufwirtschaft sowie Wirtschaftsmodell der Zukunft.

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft. Können Sie uns dieses Modell genauer erklären?

Eveline Lemke: Eine Welt ohne Abfall – das ist die Vision der Circular Economy. Die Wirtschaftsakteure spielen dabei nach den Regeln und mit den Lösungen der Natur. Das Modell vereint Ökologie und Ökonomie und löst den Widerspruch zwischen Industrieller Wertschöpfung, welche die Umwelt verschmutzen darf, und Umweltschutz, welcher die Aufgabe hat, alles wieder zu reinigen, auf. Der Begriff Kreislaufwirtschaft lehnt sich an die natürlichen Kreisläufe in der Natur an. Zirkularität bedeutet, alle Ressourcen dauerhaft nutzen zu können. In dieser Deutung ist C02 auch Abfall in der Atmosphäre. Klimawandel wird ergo durch Abfälle ausgelöst (im Wesentlichen Verbrennung fossiler Rohstoffe). Die Vision setzt ein Ende unter das lineare Wegwerfsystem unserer Konsumgesellschaft.

Immer wieder bekommt man zu hören, dass die lineare Wirtschaft ausgedient hat. Wie schätzen Sie das ein?

Eveline Lemke: Wenn wir unsere Wirtschaftsweise nicht ändern, dann überlebt die Spezies des Homo Sapiens, also wir Menschen, auf diesem Planeten nicht. So einfach ist das. Es ist eine Überlebensfrage. In der Ökonomie ging es immer um die Frage des Überlebens. Wenn wir überleben wollen, müssen wir unser wirtschaftliches Verhalten verändern.

Das Wirtschaftsmodell Circular Economy wird immer als nachhaltig betitelt. Auf welche Weise fördert die Circular Economy die Ressourcenschonung und wie erhöht sie die Wertschöpfung?

Eveline Lemke: Die 17 Nachhaltigkeitsziele decken sich zu 100 % mit den Zielen der Circular Economy. Das was in der linearen Wirtschaft schiefgelaufen ist, soll jetzt richtig funktionieren. Denn die lineare industrialisierte Wirtschaftsweise hat zur Ausbeutung von Menschen, Natur und Umwelt geführt, und zwar so weit, dass wir einen lebensbedrohenden Zustand erreicht haben. Die sichtbaren Zeichen wie das Artensterben und den Klimawandel kennt heute fast jedes Kind. Die Industriegeschichte bescherte uns nicht nur Verschmutzung von Boden, Wasser, Luft. Die Prinzipien der alten Ökonomie eines narzisstischen Narrativs von Gier (Wachstumsparadigma), Geiz (Effizienz) und Allmachtsphantasien (Wegwerfverhalten der Konsumgesellschaft, Ausbeutung und soziale Spaltung) geprägt ist, führten dazu, dass wir von den jährlich ca. 100 Mrd. Tonnen Ressourcen, die wir dem Planeten entnehmen nicht einmal 9 % in der wirtschaftlichen Nutzung behalten. Jährlich verschwinden real und in der Statistik mehr als 90 Mrd. Tonnen Rohstoffe, z. B. als Plastik in die Ozeane oder C02 in die Atmosphäre. Das sind die Dimensionen unserer bisherigen Wirtschaftsweise. Zirkularität und zirkuläre Wertschöpfung bedeuten, dass alle Rohstoffe unendlich in der wirtschaftlichen Nutzung gehalten werden können und das Prinzip „do-no-harm“ gilt. Daneben gilt das Design-Prinzip Cradle-to-Cradle (C2C) und das RESOLVE-Prinzip (Renew, Regenerate, Reuse, Recycle, Share, Optimise, Close the Loop, Virtualise, Exchange information visely). Der Ansatz ist ganzheitlich und systemisch. Die Wirtschaftsphilosophie geht dabei von anderen Annahmen aus, so z. B. nicht mehr vom Homo Economicus, sondern vom Homo Circularis, der als Agent die Rolle der Steuerung der Ressourcen übernimmt. Die Grundannahme der Circular Economy erkennen die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Menschen und sein Verhalten an und schreiben der Natur einen eigenen Wert zu. Naturkapital muss erhalten werden, weil sonst die Lebensgrundlagen der Menschen zusammenbrechen. Zentrales Element der Transformation zur Circular Economy ist deshalb die Internalisierung von externen Kosten der Umweltverschmutzung mit dem Ziel, die verschmutzte Umwelt zu reinigen. Neue wirtschaftliche Aktivitäten sollen der Umwelt jedoch gar nicht erst einen Schaden zufügen (Do-no-harm). Die zirkuläre Wertschöpfung geschieht in einem wirtschaftlichen System dar, das restaurativ und regenerativ arbeitet und in dem das End-of-Life-Konzept durch geschlossene Kreisläufe ersetzt wurde. In der zirkulären Wertschöpfung entstehen keine Abfälle. Alles wird im ökonomischen Kreislauf wiederverwendet. Im ökologischen Kreislauf entsteht kein Schaden, jedoch ein Nutzen (Restauration, Regeneration). Alle Geschäftsmodelle sind ganzheitlich, Mensch und Natur sind gleichwertig bei der Bewertung des Umwelteinflusses integriert. Folglich sind Stoffstrom und Energiesystem nachhaltig, Klima- und Umweltbelastungen gibt es nicht, weil Reboundeffekte überwunden wurden und ökologisch effektiv gearbeitet wird.

Die Liste von den Einsatzmöglichkeiten des Modells ist lang. Wie können Unternehmen die Circular Economy im eigenen Unternehmen integrieren?

Eveline Lemke: In der linearen Wirtschaft spielen Unternehmen oft nur eine Rolle in einem Ausschnitt der Wertschöpfungskette. In der Circular Economy agieren sie aber als Agenten der dauerhaften Nutzung von Ressourcen. Dies setzt eine erweiterte Produzentenverantwortung für die gesamte Wertschöpfungskette voraus. Dadurch ergeben sich neue Businessmodelle. Einige sind heute schon gut beschrieben, z. B. als Sharingpartner für die Nutzung von Ressourcen und Dienstleistungen. Leistungen für Restauration oder Regeneration von Natur- oder Industriekapital (Recycling, Reparatur) rücken dabei in den Mittelpunkt. Die Umverteilung wird zunehmend über C02-Zertifikate stattfinden. Der positive Klimanutzen erhält einen Wert, der gehandelt werden kann. Dies ermöglicht neue Geschäftsmodelle. Außerdem stellen Produzenten auf das Cradle-to-Cradle Prinzip um und designen Produkte neu.

Know-How, Fördermöglichkeiten und Praxisanwendung unterstützen die Umsetzung von zirkulären Wirtschaften in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Welche Chancen bietet das vor allem für KMU und wie können diese von dem Wirtschaftsmodell profitieren?

Eveline Lemke: Wir haben in Deutschland eine hohe Dichte von Weltmarktführern in Spezialanwendungen, mit denen Wertschöpfungsketten sinnvoll ergänzt werden konnten. Genau diese Stärke können KMU jetzt nutzen, um vollendete Kreisläufe herzustellen. KMU sind in der Regel mit Innovationen schneller unterwegs als internationale Konzerne. Deshalb liegt hier eine Chance. Ressourcenmangement, Recycling, Reparaturangebote wird zur Standardkompetenz. Das ist heute noch nicht so – das Abfallmanagement ist oft ausgegliedert. KMU sollten sich also Gedanken machen, wie Sie Eigentümer der verwendeten Ressourcen bleiben können, um sie dauerhaft zu bewirtschaften. Das Verständnis für diesen Ansatz muss sicherlich wachsen. Als Beispiel dient oft die Waschmaschine, die nicht mehr verkauft wird. Es werden Waschladungen zu waschender Wäsche verkauft, wobei die Waschmaschine im Eigentum des Herstellers bleibt. Das Beispiel erklärt, warum hier ein KMU auf Förderung angewiesen ist, denn das Modell setzt höheres Eigenkapital voraus. Und wenn die Waschmaschine noch das C2C-Design benötigt, ist Innovation gefragt. Die kostet Geld, ist aber auch förderbar.

Viele denken, dass Nachhaltigkeit immer an einen hohen Preis geknüpft ist. Wie wird die Circular Economy finanziert und ist das Stigma, dass Nachhaltigkeit hohe Kosten mit sich bringt, wirklich wahr?

Eveline Lemke: Nein, das ist nicht wahr. Wie Sie sagen, es ist ein Stigma – ein Vorurteil, ein billiges Argument, nichts zu tun. Die Kosten der Umweltverschmutzung und der Klimafolgen sind höher. Ich lade gerne in meine Heimat ins Ahrtal ein, das im Juli 2021 von einer Flut schwer getroffen wurde. Über 30 Mrd. Euro gibt die Bundesregierung für die Nothilfe und den Wiederaufbau aus. Dort sind 40.000 Haushalte betroffen, 400.000 Tonnen Abfälle wurden und werden aktuell noch beseitigt. Das sind die Dimensionen, in denen wir jetzt denken müssen. Jedem der mir sagt, die Kosten der Transformation seien zu hoch, soll sich hier bitte ein Bild machen.

Frau Lemke, vielen Dank für das Gespräch!