Laura Ziegler: Beim Thema Wasserstofftechnologien nimmt Europa heute eine Vorreiterrolle ein

Laura Ziegler ist Manager Communications bei der Sunfire GmbH in Dresden. Mit ihr sprechen wir im Interview über Verwendung der Wasserstofftechnologie, Klimaneutralität sowie Vor- und Nachteile der Nutzung.

Laura Ziegler

Welche Vorteile und Nachteile sehen in der Verwendung der Wasserstofftechnologie im Zusammenhang mit der Klimaneutralität und der Wirtschaftlichkeit?

Laura Ziegler: Wenn wir Klimaneutralität erreichen wollen, führt kein Weg am Einsatz von grünem Wasserstoff vorbei. Nur wenn wir seine Potenziale nutzen, können wir jene Industrien dekarbonisieren, die einen enormen CO2-Fußabdruck aufweisen. Wir benötigen grünen Wasserstoff als Energieträger, aber auch als Rohstoff, z.B. in Raffinerien oder in der Chemieindustrie. Natürlich ist es derzeit teurer, nachhaltig erzeugten Wasserstoff zu nutzen als auf fossile Energieträger zurückzugreifen. Hier gibt es seit Jahrzehnten etablierte Strukturen, Technologien und Lieferketten. Wenn wir in den kommenden Jahren Anlagen zur Erzeugung von Wasserstoff im industriellen Maßstab bauen, werden die Kosten für die Erzeugung von grünem Wasserstoff jedoch rasant fallen. Wirtschaftlich liegt in der Wasserstoffwirtschaft ohnehin riesiges Potenzial. Entlang der Wertschöpfungskette werden in den nächsten Jahren Tausende Arbeitsplätze entstehen. Beim Thema Wirtschaftlichkeit dürfen wir nicht zu kurz denken: Oberflächlich betrachtet ist ein „Weiter so“ mit fossilen Rohstoffen sicher günstiger als die Umrüstung auf neue Technologien. Wenn wir aber die vom Klimawandel verursachten Folgekosten berücksichtigen, merken wir schnell, dass diese Rechnung nicht aufgeht.

In den USA und China wird der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft konsequent vorangetrieben. Wie kommt es, dass Europa sich damit bislang so viel Zeit gelassen hat?

Laura Ziegler: Diese Auffassung teilen wir nicht. Europa hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 der erste klimaneutrale Kontinent zu werden und dies gesetzlich verankert. Dabei spielt Wasserstoff eine wichtige Rolle. Das ambitionierte Vorhaben wird nun von der EU und ihren Mitgliedsstaaten konsequent mit Leben gefüllt – durch regulatorische Vorgaben, aber auch in Form von finanzieller Unterstützung. Beim Thema Wasserstofftechnologien nimmt Europa heute eine Vorreiterrolle ein. Insbesondere die deutsche Wirtschaft ist in diesem Bereich sehr gut aufgestellt, viele innovative Player sind am Markt. Mit der Verabschiedung der Wasserstoffstrategie 2020 haben wir hierzulande einen weiteren großen Schritt nach vorne gemacht. Diesen Vorsprung dürfen wir nicht verspielen. Dazu sind Wirtschaft und Politik aufgefordert, den eingeschlagenen Weg konsequent und mutig weiter zu beschreiten.

Die Wasserstoff-Technologie gilt als „die“ klimafreundliche Energienutzung. Wie kommt es, dass sich die Technologie in der Automobilindustrie nicht durchsetzen konnte, sondern die Nutzung von Batterien sich durchgesetzt hat?

Laura Ziegler: Wasserstoff sollte vorrangig in jenen Sektoren eingesetzt werden, die nicht direkt elektrifiziert werden können. Im Mobilitätssektor reden wir hier über den Schwerlastverkehr. Mittelfristig wird es wohl keine elektrisch angetriebenen Flugzeuge oder Schiffe geben, die den Atlantik überqueren. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie groß und schwer diese wegen ihrer riesigen Batterien wohl wären. Kürzere Strecken im privaten PKW können jedoch heute schon problemlos mit batteriebetriebenen Autos zurückgelegt werden. Wegen der starken Unterstützung durch die Politik konnte sich die Elektromobilität zügig entwickeln. Dabei gibt es durchaus Alternativen: Auch mit synthetischen Kraftstoffen oder Wasserstoff können Fahrzeuge klimaneutral und effizient angetrieben werden.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der Nutzung eines Wasserstoffantriebs?

Laura Ziegler: In Brennstoffzellenfahrzeugen eingesetzt, kann grüner Wasserstoff einen erheblichen Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors leisten. Insbesondere im Schwerlastverkehr kann er mittel- bis langfristig fossile Brennstoffe ersetzen. Kurzfristig ist es jedoch eine Herausforderung, die dafür benötigte Infrastruktur (z.B. Tankstellen) bereitzustellen. Während etwa der klassische Verbrennungsmotor problemlos mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden kann, ist die Entwicklung von PKWs, Schiffen und Flugzeugen, die mit Wasserstoff betrieben werden, aktuell noch nicht abgeschlossen.

Vielfach kritisiert wird die große Menge an Strom, die für die Gewinnung von Wasserstoff notwendig ist. Es gibt zwar alternative Möglichkeiten zur „grünen“ Stromgewinnung. Doch inwieweit steht diese für die Wasserstoffgewinnung zur Verfügung?

Laura Ziegler: Dieses Thema ist vielschichtig: Einerseits müssen in Deutschland die Kapazitäten an erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut werden. Schließlich wird grüner Strom nicht nur für die Erzeugung von Wasserstoff benötigt, sondern auch für die Elektrifizierung. Klar ist aber auch, dass die Verfügbarkeit von Wind-, Wasser- und Solarenergie in Deutschland begrenzt ist. Anders verhält es sich in Regionen wie Nord- und Südeuropa, aber auch in Nordafrika und Südamerika. Deshalb sind wir überzeugt davon, dass grüner Wasserstoff langfristig vorwiegend dort produziert wird, wo erneuerbare Energien in großem Umfang zur Verfügung stehen. Bevor es allerdings so weit ist, müssen wir erst einmal vor unserer Haustür Projekte im industriellen Maßstab realisieren.

Das EU-Parlament fordert den schrittweisen, aber schnellen Ausstieg aus fossilem Wasserstoff. Dafür muss auf andere klimafreundliche Stromgewinnungsmöglichkeiten zugegriffen werden. Wie schnell und in welchem Umfang schätzen Sie, wird dies möglich sein?

Wenn Europa bis 2050 klimaneutral werden soll, dürfen wir keine Zeit verlieren. Die Richtung hat die Europäische Kommission vergangene Woche mit ihrem „Fit for 55“-Paket vorgegeben.

Frau Ziegler, vielen Dank für das Gespräch!

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