Thomas Schmitz: Viele Materialien sind nicht auf eine lange Nutzungsdauer ausgerichtet

Thomas Schmitz ist Senior Consultant natureplus e.V. Mit ihm sprechen wir über Schutzkriterien beim Bauen, möglichst geringe Beeinträchtigung durch Schadstoffe sowie Rolle für Vermieter.

Was bedeutet „nachhaltig“ beim Bauen überhaupt?

Thomas Schmitz

Thomas Schmitz: Nachhaltigkeit bedeutet in jedem Fall eine Wirtschaftsweise, welche auch künftigen Generationen die Lebensgrundlagen erhält. In Bezug auf den Gebäudebereich definiert natureplus, der europäische Umweltverband für zukunftsfähiges Bauen, Nachhaltigkeit beim Bauen anhand von 3 Schutzkriterien, die eingehalten werden müssen: Klimaschutz, Gesundheitsschutz und Ressourcenschutz.

Klimaschutz – also möglichst geringer Energieverbrauch und möglichst geringe CO2-Emissionen – ist im Gebäudebereich nicht nur beim Energieverbrauch zum Heizen relevant, sondern auch bei der Herstellung der Baumaterialien. Allein die Zementherstellung ist weltweit für 7-8 % der CO2-Emissionen verantwortlich. Demgegenüber bindet der Holzbau sogar CO2, statt es zu verbreiten. In Deutschland ist der Bausektor inklusive der Baustoff-Industrie für 35 % aller CO2-Emissionen verantwortlich. Dabei muss man sehen, dass vor allem der Gebäudebestand dringend den Notwendigkeiten des Klimaschutzes angepasst werden muss.

Gesundheitsschutz – also möglichst geringe Beeinträchtigung der Nutzer durch Schadstoffe und VOC-Emissionen – wird (jenseits von Asbest und Holzschutz) im Gebäudebereich immer relevanter, weil wir uns immer länger, gegenwärtig über 90 % unserer Lebenszeit, in geschlossenen Räumen aufhalten und diese immer luftdichter gebaut werden. Dabei ist die Qualität der Baumaterialien sehr wichtig, die wir bei natureplus bei den von uns zertifizierten Produkten laufend überwachen. Hier gibt es eine Vielzahl von flüchtigen Verbindungen, die vor allem aus Chemieprodukten ausdünsten und Irritationen, Allergien und sonstige Schäden anrichten können. Auch die wachsende Verbreitung von Bioziden (Desinfektionsmitteln) in Innenräumen ist ein Problem.

Ressourcenschutz – also möglichst geringer Ressourcenverbrauch durch Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Ressourcennutzung – ist wahrscheinlich der relevanteste Teil beim nachhaltigen Bauen, der zudem weitere Auswirkungen auf den Klimaschutz hat. Denn aktuell ist der Bausektor für über 50 % des Abfallaufkommens in Deutschland verantwortlich. Viele Materialien sind nicht auf eine lange Nutzungsdauer ausgerichtet, die im Gebäudebereich eigentlich geboten wäre. Andererseits werden Sand und Gips zum Bauen knapp, eine große Naturzerstörung droht bei weiter ungehemmtem Ressourcenabbau. In einer von natureplus unterstützten Kreislaufwirtschaft werden hingegen die Gebäude von heute zur Ressourcenquelle von morgen, werden Baumaterialien vorwiegend aus sauberen Recyclingstoffen oder aus nachwachsenden Materialien gefertigt. Hierfür sind aber zahlreiche Änderungen von Gesetzen und Verordnungen und eine andere, recyclinggerechte Bauweise notwendig.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit beim Bauen, was sind die allgemeinen Vorteile?

Thomas Schmitz: Nachhaltiges Bauen ist nicht einfach irgendeine neue Spielart der Architektur oder eine Sache, die man machen oder lassen kann. Nur nachhaltiges Bauen ist heute noch verantwortbares Bauen. Wir dürfen unseren Nachkommen nicht lebensfeindliche Städte und Gebäude hinterlassen. Weltweit werden künftig immer mehr Menschen in großen Städten wohnen. Wir müssen die Städte und Gebäude so gestalten, dass auch künftige Generationen darin gut leben können. Hierfür gibt es schon heute viele gute Beispiele. Hierbei ist aber auch eine Fülle von Fragen relevant, die im Rahmen einer solchen kurzen Darstellung nicht behandelt werden kann. Wichtig zu wissen ist vor allem, dass es nicht in erster Linie eine Frage des Preises ist. Nachhaltigkeit ist nur dann teuer, wenn man sie nachträglich versucht umzusetzen. Von Anfang an mitbedacht und gut geplant, ist nachhaltiges Bauen wenige Prozent teurer, aber schon auf mittlere Sicht von 10-15 Jahren günstiger wegen der langen Lebensdauer der Materialien und den geringeren Technikkosten. Nachhaltiges Bauen ist eher einfaches Bauen, weil man nicht Baufehler durch einen großen Einsatz von Haustechnik überdecken muss.

Geht es beim nachhaltigen Bauen nur um den Umweltaspekt, oder gibt es andere Kriterien?

Thomas Schmitz: Es geht um Umweltaspekte wie den Klimaschutz und den Erhalt der Biodiversität und der natürlichen Ressourcen, es geht um gesundes Wohnen und lebenswerte Städte. Dafür ist eine Vielzahl von Kriterien relevant, wie bereits ausgeführt. Ich kann nicht erkennen, warum man dann davon sprechen kann, dass es „nur“ den Umweltaspekt betrifft.

Bei Gewerbeimmobilien, so heißt es, wird noch nicht umfassend auf Nachhaltigkeit geachtet. Was hat der Markt vor?

Thomas Schmitz: Der Markt bei Gewerbeimmobilien entwickelt sich stark in Richtung auf Nachhaltigkeit. Mehr als die Hälfte aller großen Neubauobjekte der vergangenen drei Jahre sind durch Organisationen wie DGNB oder LEED zertifiziert, die sich u.a. auch auf die Material-Bewertung von natureplus stützen. Bauten des Bundes ab einer gewissen Größenordnung müssen ähnliche Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, das ist der neue Standard. Nachhaltigkeit ist das neue Normal. Das Interesse der Investoren ist doch ganz leicht zu erklären: Sie wollen Wertbeständigkeit ihrer Immobilien, sie wollen ihre Objekte auch gut vermarkten können. Wer da nicht auf Nachhaltigkeit achtet, hat schon in wenigen Jahren ein Sanierungsproblem am Hals. Ein vernünftig wirtschaftendes Unternehmen wird das nicht riskieren.

Welche Rolle nehmen Vermieter bei nachhaltigen Gebäuden ein? Welche Vorteile bietet die Vermietung nachhaltig errichteter Häuser?

Thomas Schmitz: Fragen Sie doch die großen Wohnbaugesellschaften, was das Thema Nachhaltigkeit für sie bedeutet. Da tut sich auch sehr viel, weil die Vermieter wissen, dass der Gebäudesektor in wenigen Jahrzehnten klimaneutral sein muss, weil sie wissen, dass Bauvorschriften sich ändern werden, um Nachhaltigkeit zu fördern, weil sie bei einer tendenziell schrumpfenden Bevölkerung auf lange Sicht nur für attraktive, wohngesunde und nachhaltig gebaute Wohnungen noch Mieter finden werden. Auch heute schon werden die Nebenkosten als „zweite Miete“ bezeichnet. Auf Schimmel und PVC-Gestank lässt sich doch heute niemand mehr ein. Ich bin da sehr optimistisch, dass kurzfristige Renditeerwartungen nicht auf Dauer der Nachhaltigkeit im Weg stehen werden.

Herr Schmitz, vielen Dank für das Gespräch!

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